Gezeichnete Welten, 2010. „Ich wüsste keine Kunst, die das Denkvermögen allseitiger in Anspruch zu nehmen vermöchte, als die Zeichnung." (Paul Valéry)

Lebendige Gefolgschaft der Linie
János Stefan Buchwardt

Das Charakteristikum Eigenwilligkeit zeichnet den Bodenseekünstler Christian Lippuner auch in seinen neuesten Arbeiten aus. Die vorliegende Serie, die mehrere Dutzend Zeichnungen umfasst, erkundet lineares Einzelverhalten, das komplexe mentale Regungen ausagieren will. Sichtbar fixierte Zeichen machen uns unabhängig vom gesprochenen Wort. Mit Information angereichert halten sie universelle geistige Vorgänge fest und über längere Zeit verfügbar. Im Wechselspiel zwischen spielerischer Ausprägung der Phantasie und metaphysischen Inhaltskomponenten wird der vorgestellte Bilderkosmos zu einem organischen Ganzen. Ja, im Gleichgewicht ausschweifender, gleichzeitig aber gesteuerter Gesten werden dem Betrachter über die Art der Linienführung Abstraktionsgrade angetragen, die dazu animieren, individuellen Gedankenreihungen zu vertrauen.

Dem Künstler wird die Bewegung der Linie zur prägnanten Nachzeichnung vorgegebener geistiger Strukturen und somit zu einer besonderen Schreibart - und das im besten Sinne des Wortes. Der Zeichner transformiert sich gewissermassen zum Schriftsetzer. Gezielt greift er auf das kulturgeschichtliche Prestige der Jahrhunderte alten Tradition der Kalligrafie zurück: Aufgezeichnetes wird bewusst gesetzt, es wird zu Festgehaltenem, Eingezeichnetes zu Niedergeschriebenem. Indem sich Lippuners Malweise handschriftlicher Diktion bedient, indem er Redeweise in zeichnerischen Duktus umsetzt, entsteht ein grafomotorisches Panoptikum aus ineinander verwobenen Erzähleinheiten. Kriterien ästhetischer Ausgewogenheit und des Erlebbarmachens von Emotionen erhalten ein spezifisch ausgelotetes Gewicht.

In einer solchen lebendigen Rundschau aus Bildzeichen wird Mehrdimensionales auf essentielle Weise in Einfachheit zu fassen gesucht. Motivation schöpft sich dabei aus dem urmenschlichen Drang, sich durch Malen, Schreiben und Zeichnen manifestieren zu wollen. Während sich ein reiches Aussagensortiment auffächert, wird die narrative Vitalität der Linienverläufe, werden deren meditative Kennzeichen elementar sichtbar. Der eingängige Verlauf innerhalb der Sammlung von Setzungen überrascht durch die Welten abtastende und erforschende Eigenart der aneinandergereihten Bildinhalte. Das so erzeugte dynamisch gestaltete Gepräge legitimiert eine Lust, die uns zu ungezwungenem Fabulieren hinführt und im selben Augenblick die wohltuende Gedankenverlorenheit kindlichen Spiels wachruft. Über schiere Naivität gewinnt jedes Blatt an verblüffender Ursprünglichkeit.

Mit dem konsequenten Verzicht auf lineare Schichtungsmanöver, auf die für ihn typischen mannigfaltigen Linienlenkungen gibt Christian Lippuner für einmal augenfällig gestalterische Komplexität zugunsten einer bemerkenswerten Schlichtheit innerer Kernfragen auf. Die Folgerichtigkeit der Strichführung erinnert dabei an moderne Ausdrucksformen von Graffiti, gleichzeitig aber an den Beginn der Schrift, an die Bildschriften der Höhlen- und Felsmalereien. Die erzählerischen Fäden lassen an die sequentielle Kunst der Comics denken. Wenn der Künstler die Liniensetzung also solistisch reduziert, erschafft er ein Album von Realitätsparzellen, das einerseits geschichtenreich ausholen, andererseits prägnant Klartext reden will. Es spricht von Hoffnungen, Wünschen und Ängsten, von zu Gedankenschriften gewordenen Bildzeichen, deren Deutung dem Publikum nahegelegt wird.

Zusammenfassend lässt sich sagen: Im Partikularen erfährt das ausbuchstabierte panoptische Gefüge eine bewegende Vielgestaltigkeit. In der kompakten Platzierung werden in sich geschlossene Einzelperspektiven geboten, die sich stets im Wechselspiel mit übergeordnetem Zusammenhalt wiederfinden dürfen. Der Zyklus wirkt grosszügig und inspirierend, die ihm innewohnende Ruhe und Aussagekraft lässt Raum und Zeit als unbelastete, keineswegs aber «nachtwandlerische» Grössen erscheinen. Christian Lippuner hebt sich explizit von Vorstellungen unbewussten Ausdrucks ab, wie sie etwa André Breton propagiert. Im Unterschied zur «Écriture automatique» gehen seine Prozesse neben intuitivem Operieren stets mit kritischer Eigenbeurteilung einher. Planvoll nimmt er zweckdienliche und wohlerwogene Setzungen vor, die im freien Spiel zu Folgeaussagen animieren und dabei zwischen dem Nachspüren des kindlich Naiven und des erwachsen Intendierten pendeln.

János Stefan Buchwardt, lic. phil. IG