Zwischenräume – Zwischen Räumen

Laudatio von Martin Preisser, am 9. April 2010

Christian Lippuners Bild auf der Einladungskarte zur heutigen Ausstellung, meine sehr verehrten Damen und Herren, heisst nicht einfach: „Stadt I“ oder „Urbane Landschaft“ oder so ähnlich. Nein, es ist mit „Wo der Faschismus klammheimlich wuchert“ betitelt. Christian Lippuners Werk ist - und das durchaus auch in der heutigen Bildauswahl - immer schon stark sozialpolitisch gedacht und gesellschaftskritisch bestimmt. Es geht auf diesen grossformatigen Arbeiten nicht einfach um Netze oder Strukturen oder um bloss geistvolle Partituren. Das sind diese Arbeiten in Öl, Ölkreide und Acryl natürlich auch. Auf diesen Bildern muss man aber hinter die Türmchen und gesetzten „Bauklötzchen“ schauen und entdeckt dabei Tiefen in diesen geschichtet gemalten und manchmal bewusst die Leinwand, die Leere lassenden Landschaften. Überwuchern die Strukturen das naturhaft Gegebene, zerdrücken sie schon das organisch Vorhandene oder erobert sich im Gegenteil die Farbe des Lebendigen die strukturierten Welten zurück? Christian Lippuner zeigt Räume und öffnet Räume, und das Spannendste geschieht zwischen den Teilräumen in seinen Bildkompositionen.

FAZ-Herausgeber Frank Schirmacher beschreibt in seinem neuen Buch „Payback“ präzise und höchst beunruhigend, wie die Computertechnologie bereits im Begriff ist, unsere Denkräume zu besetzen und uns gar ein neues unmenschliches oder jedenfalls nicht menschengerechtes Denken aufzuoktroyieren. Und auch Christian Lippuner bleibt nicht bei kritisch betrachteten urbanen Räumen stehen. Natürlich ist auch die Überbauung von Landschaft, das immer mehr Ununterscheidbare von Stadt und Land ein künstlerisches Thema dieser Arbeiten. Aber nur das wäre zu kurz gegriffen.

Auf Christian Lippuners Arbeiten werden ganz verschiedene Netze gespannt. Vielleicht geben sie noch Sicherheit, zumindest aber erst einmal Struktur, vielleicht verfängt man sich aber auch in ihnen. Jedenfalls dienen diese Symbolnetze und –gitter auch als Chiffren für geistige Räume, die hinter den gebauten Räumen liegen. Was passiert in diesen modernen Strukturen, wie werden gebaute Räume zu Gedankenräumen? Oder sind Gedankenräume in diesen Welten überhaupt noch möglich?

Das Sichtbare und das Geahnte oszilliert in diesen Bildern. Lippuners grafische Grundpartitur erweist sich als Ausgangspunkt für Gedankenentfaltungsräume. Den Klang, die Atmosphäre, den sozialen Kosmos der Stadt, der überbauten Landschaft scheint der Künstler in Farben umwandeln zu wollen. Und die Farbe als Emotionsträger drängt sich durch diese Gitter nach vorne. Die Farbe wird Symbol für das, was an Zwischenklängen, Zwischentönen und Zwischenmenschlichem in diesen Strukturen noch oder wieder aufleuchten oder aufklingen könnte.

In Christian Lippuners Stadtlandschaften scheint vieles bedrohlich, unausweichlich, aber auch vieles möglich jenseits der Begrenzungen. Als Janusgesicht erscheint die Moderne. Ist unsere Welt von Erdrutschen vielerlei Gestalt bedroht, sind die Bäume auf Lippuners Bildern noch in Balance? Vielleicht mag man in seiner Phantasie manche Bausteine neu fügen, mit Lippuners „Baukasten“ ein wenig spielen, aus den oft unverbundenen Gegensätzen Neues, Mögliches ahnen. In der Art, wie Christian Lippuner uns die Welt zeigt, indem er auf die Übergänge zwischen dem Festgefügten verweist, auf das eigentliche Dazwischen, ist er ein hochaktueller, im besten Sinne zeitgenössischer Künstler mit einer ganz eigenen künstlerischen Handschrift.

Seine Bilder sind letztlich, rein handwerklich gesehen, doch recht eruptiv hingeworfene Welten, die aber einen langen Vorlaufprozess an Reflexion aufweisen. Christian Lippuner denkt die Strukturen und Bildideen sozusagen kompromisslos vor, bevor sie künstlerischen Ausdruck finden.

Christian Lippuners Bilder sind dicht, aber gleichzeitig offen. Und der Künstler hat sein Thema jenseits aller Beliebigkeit gefunden und schafft es auf vielfältige und assoziationsreiche Art und nicht zuletzt: mit anspruchsvollen Mischfarben, viel Gefühltes, viel Gedachtes, Bitteres und Hoffnungsvolles in diese Strukturen einzuweben. Das Changieren zwischen Ordnung und Chaos, Untergang und Neuanfang, zwischen Natur und Konstruiertem lebt er kraftvoll aus. Bei aller Enge und Dichte finden sich auf den Partituren Schlupflöcher, ja manche Struktur kann – richtig begangen – wieder zur kraftvollen Lebensader, zu neuer Wegmöglichkeit werden.

Es dränge ihn in Zukunft ins immer mehr rein Malerische, deutet Christian Lippuner seinen weiteren künstlerischen Weg an. Und deutlich von der Grafik herkommend bezeichnet er sich aktuell als „zeichnenden Maler“. Die Ölkreide auf den Acrylbildern zeugt davon. Ganz zurück ins Zeichnerische geht Christian Lippuner mit seinen „panoptischen Zeichnungen“. Es geht da gerade nicht um den unbewussten künstlerischen Ausdruck, wie ihn etwa André Breton formuliert hat, oder um eine Form des automatischen Zeichnens. Christian Lippuner will diese Zeichnungen durchdacht wissen. „Es ist bewusste Kopfarbeit“, sagt er ganz deutlich. Trotz spontaner und intuitiver Linienführung geht es hier um das genaue Skizzieren möglicher sozialer Strukturen. Die Arbeiten weisen ganz unterschiedliche Abstraktionsgrade auf, setzen sich mannigfach mit der Idee der Linie als solcher auseinander und bilden faszinierend einen intimen Gegenentwurf zu den urbanen Landschaften.

Das Intime, das Geschützte, das Dialogische, das Unmittelbare und das Nahe: Diese „panoptischen Fantasien“ sind seltsamerweise letztlich dann doch wieder nicht so weit von den gemalten Welten weg, sie wirken wie der innere Spiegel der grossen Arbeiten. Vielleicht zeigen diese Graphit-Miniaturen sehr genau die möglichen sozialen Prozesse, die kommunikativen Strategien und die interaktiven Situationen, die hinter und in den Zwischenräumen der gemalten und oft allzu strukturierten Welten denkbar, entwickelbar und vielleicht sogar lebbar werden könnten.

Martin Preisser, 9.4.2010